
HWWI Update 02 2010
Steigende Energiepreise eröffnen Chancen für Hamburg
Die zukünftige Entwicklung Hamburgs soll sich an dem neuen Leitbild der Stadt – „Wachsen mit Weitsicht“ – orientieren. Um dieses Konzept erfolgreich umzusetzen, bedarf es einer Einschätzung von Entwicklungstrends, welche die Zukunft Hamburgs als deutsche Wirtschaftsmetropole und wichtige europäische Hafenstadt beeinflussen werden. Mit der Fragestellung, welche Faktoren die Zukunftsfähigkeit Hamburgs prägen und welche die entsprechenden prioritären Handlungsfelder sind, hat sich das HWWI in einer vierteiligen Studienreihe in Kooperation mit alstria office REIT-AG befasst.
Beginnend mit einer globalen Betrachtung der Auswirkungen steigender Transportkosten auf die geografische Lage wirtschaftlicher Aktivitäten in Studie 1 nähert sich die Untersuchung in Studie 2 der Stadtebene über die Analyse der regionalen Auswirkungen. Studie 3 diskutiert aufbauend auf den vorangegangenen die Auswirkungen auf Städte und Stadtentwicklung. Ein besonderer Schwerpunkt der gesamten Studienreihe wird auf die Auswirkungen für Hamburg und die Metropolregion gelegt. Dabei werden auch andere Trends wie die demografische Entwicklung und der Strukturwandel berücksichtigt. Abgeschlossen wird die Betrachtung durch Studie 4, in der Politikempfehlungen für Hamburg entwickelt und vorgestellt werden.
Ausgangspunkt der Analysen ist die Prognose des HWWI, dass die Preise für Energierohstoffe und insbesondere für Rohöl in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich steigen dürften. Sofern nicht der technologische Fortschritt im Verkehrswesen für Abhilfe sorgt, dürften daher auch die Transport- und Handelskosten steigen. Dies hat global und regional bedeutende Auswirkungen auf die geografische Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten und wirkt sich zudem auf lokaler Ebene auf die Stadtentwicklung und das Siedlungsverhalten der Einwohner aus. Ein zentrales Verdienst der Modelle der Neuen Ökonomischen Geographie ist, dass sie die Bedeutung von Raum und Distanz für Handel- und Wirtschaftsentwicklung wieder in den Mittelpunkt der wirtschaftswissenschaftlichen Betrachtung gerückt haben. Auf globaler und regionaler Ebene führt ein Anstieg der Transport- und Handelskosten zunächst zu vermehrten Ansiedlungen und damit zu einem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum an transportgünstig gelegenen Standorten. Steigen die Energiekosten weiter, so sorgt dies zunehmend für eine gleichmäßigere Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten über den Raum. Die zumeist an wenigen Standorten gebündelte Produktion einzelner Firmen wird dann auf zahlreichere und kleinere regionale Werke verteilt und rückt so näher an die Märkte heran. Derartig motivierte Standortverlagerungen haben freilich eine unmittelbare Wirkung für die involvierten Städte. Auf lokaler Ebene sorgen steigende Energie- und Transportkosten aber zudem dafür, dass Haushalte versuchen, ihren Wohnort näher an den Arbeitsort zu verlagern, um die Arbeitsweg- oder Pendelkosten zu verringern.
Für die Metropolregion Hamburg ergeben sich aus der Entwicklung der Energie- und Transportkosten eine Reihe von Chancen, die genutzt werden können, wenn es gelingt die Größenvorteile der Metropolregion Hamburg zu erhalten und die sich ergebenden Potenziale für Industrie- und Dienstleistungsbereiche auszuschöpfen. Gleichzeitig stellen die hieraus resultierenden Veränderungen bei unternehmerischen Standorts- und bei Wohnortsentscheidungen der Bürger in Zusammenspiel mit demografischen, wirtschaftlichen und klimatischen Trends die Stadtplaner und politischen Gremien ebenso vor Herausforderungen.
Da die Metropolregion Hamburg aufgrund des Hamburger Hafens exzellent an die Weltmärkte angebunden ist, dürfte sie bei steigenden Energiepreisen zunehmend für exportorientierte industrielle Branchen an Attraktivität gewinnen. Dies eröffnet Hamburg und der Metropolregion die Chance, ihre nach wie vor bedeutenden industriellen Aktivitäten zu stärken und auszubauen. Gleichwohl darf nicht vergessen werden, dass Hamburg in den vergangenen Jahrzehnten, wie zahlreiche andere Städte auch, einen kräftigen Strukturwandel zu Dienstleistungen erlebt hat. Dabei nimmt die Bedeutung wissens- und forschungsintensiver Bereiche stetig zu, für deren Leistungsüberstellung keine Verkehrsträger und diesbezügliche Infrastruktur sondern moderne Telekommunikationsinstrumente nötig sind. Zudem zeichnen sich diese Bereiche durch eine große Bedeutung von Face-to-face-Kontakten aus. Aus Sicht des HWWI scheint es daher sinnvoll, wie bisher sowohl Industrieaktivitäten wie auch den Dienstleistungsbranchen und der Kreativwirtschaft Raum für Entwicklung zu geben. Darüber hinaus sollte dafür Sorge getragen werden, dass die Metropolregion Hamburg weiterhin und langfristig kostengünstig an die Weltmärkte angebunden bleibt.
Auch beim Siedlungsverhalten der Haushalte könnten steigenden Energie- und Transportkosten dazu beitragen, dass Hamburg künftig weiter an Bevölkerung gewinnt. Dies dürfte umso mehr gelten, je besser es Hamburg zukünftig gelingt die oben beschriebenen wirtschaftlichen Wachstumspotenziale auszuschöpfen. Aktuelle Bevölkerungsvorausberechnungen gehen allerdings davon aus, dass die Zahl der Bevölkerung in der Hansestadt ab 2025 deutlich sinken dürfte. Aus ökonomischer Sicht sind diese Prognosen mit einem Fragezeichen zu versehen: Als Zentrum einer mehr als 4 Millionen Menschen zählenden Metropolregion mit mehr als 300 000 Einpendlern, die in der Stadt erwerbstätig sind, dürfte Hamburg bei steigenden Energiekosten und Pendelkosten auch langfristig weiter an Attraktivität als Wohnort gewinnen (siehe Grafik auf Seite 1), so dass die Nachfrage nach Wohnraum zunehmen dürfte. Es wird erwartet, dass voraussichtlich ältere Bürger angesichts steigender Probleme beispielsweise bei der medizinischen, pflegerischen oder öffentlichen Versorgung in ländlicheren Regionen in die Städte zurückkehren werden. Auch ohne einen solchen Zulauf dürfte sich Hamburg angesichts des derzeitigen demografischen Aufbaus der Hamburgischen Bevölkerung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten mit einer Alterung der Stadtgesellschaft konfrontiert sehen. Sofern die derzeitigen Siedlungsmuster für unterschiedliche Alters- und Haushaltsgruppen stabil bleiben, dürften hieraus steigende Wohnnachfragen für innenstadtnahe Stadtteile resultieren, die bereits heute relativ stark von Ein- und Zweipersonenhaushalten der Altersgruppe 30-65 Jahre besiedelt werden.
Sollte es somit langfristig zu einem Bevölkerungszuwachs kommen, werden neuen Wohnflächen und benötigt werden. Mit der HafenCity, der IBA 2013 und dem angedachten Sprung über die Elbe werden bereits Projekte realisiert bzw. Stadtentwicklungskonzepte entwickelt, die einer möglichen Expansion bereits Rechnung tragen. Die Stadtentwicklung konzentriert sich mit diesen Projekten auf eine Stärkung der zentrumsnahen Stadtteile. Angesichts der bereits hohen Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten in Hamburgs Zentrum sollte ebenso eine Expansion in Hamburgs Subzentren (Bezirkszentren) berücksichtigt werden, da ein zu starker Fokus auf die Innenstadt hinsichtlich der infrastrukturellen Anbindung und der starken Flächenkonkurrenz zunehmend teurer werden dürfte.
Die Herausforderung wird dabei bestehen, die Vielzahl parallel ablaufender Trends in eine Stadtentwicklungsstrategie zu integrieren. Beim Sprung über die Elbe sind künftige höhere, durch den Klimawandel bedingte Pegelstände der Elbe und ihre Auswirkungen gerade auf die niedrig liegenden Stadtteile südlich der Elbe zu berücksichtigen. Zudem werden Klimawandel und steigende Energiekosten ein weiterhin gutes und erweitertes öffentliches Nahverkehrssystem erfordern.
STUDIEN
Die vierteilige Studienreihe finden Sie hier.




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