HWWI Standpunkt März 2010

Internationaler Frauentag am 8. März 2010

Männerwahn und Brüsseler Spitzen

von Dr. Christina Boll

Heute ist Weltfrauentag. Die thematische Steilvorlage hierfür hat uns vor drei Tagen dankenswerterweise das Statistische Bundesamt geliefert. Überschrift: FRAU GEGEN MANN – aktualisierte Daten zum „Gender Pay Gap“ in Deutschland. Die Zahlen zeigen, dass Frauen hierzulande zuletzt (2008) mit durchschnittlich brutto 14,51 Euro pro Stunde 4,39 Euro oder 23,2% weniger als ihre männlichen Kollegen verdienten – Tendenz steigend. Damit lag Deutschland deutlich über dem EU 27-Durchschnitt von 18,0%. Schlechter als Deutschland schnitten nur noch Tschechien, Österreich, Estland und die Niederlande ab, während Italien mit 4,9% die niedrigste Lohnlücke aufwies, gefolgt von Ländern wie Belgien, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien oder Malta (jeweils 8-10%).1

Die Schelte aus Brüssel folgte auf dem Fuß: „Deutschland ist eines der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Länder und sollte mit gutem Beispiel vorangehen, anstatt Nachzügler zu sein“, schimpfte die neue EU-Kommissarin für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft, Viviane Reding, gegenüber WELT ONLINE"2.  Wie im Wahn, so scheint es fast, bricht daraufhin wieder der bekannte verbale Geschlechterkampf aus: Der „Gender Pay Gap“, was ist das schon anderes als manifeste Diskriminierung von Frauen im Erwerbsleben? Sicher, da war noch was: Ungleiche Arbeitsumstände, Bildungsunterschiede et cetera. Doch irgend etwas wird schon dran sein, an der Diskriminierung. Oder?

Wagen wir einmal ein Experiment, nennen wir es FRAU GEGEN FRAU: Jenseits jeglichen Diskriminierungsverdachts vergleichen wir eine durchgängig Vollzeit beschäftigte Frau mit einer Frau gleichen Bildungsabschlusses, mit dem gleichen Job in der gleichen Branche, der gleichen Arbeitszeit und der gleichen  beruflichen Stellung. Nur eines unterscheide sie von der erstgenannten Frau: Sie sei Mutter, eine so genannte Unterbrechungsfrau, die mit 28 bzw. 32 bzw. 36 Jahren eine sechsjährige Pause von der Vollzeitkarriere nahm, um sich um ihr Kind zu kümmern. Die erstgenannte Frau sei dagegen seit ihrem Erwerbseinstieg Non-Stopp in Vollzeit beschäftigt.  Wie hoch ist die Lohnlücke zwischen beiden Frauen im Alter von 45 Jahren, wenn beide – die eine noch immer, die andere wieder – in Vollzeit mit 40 Wochenstunden arbeiten? Wie folgende Abbildung zeigt, kann es der „Career Wage Gap“, die auf unterschiedliche Erwerbsbiografien zurückführbare Lohnlücke, mit dem „Gender Wage Gap“ durchaus aufnehmen:

Die Akademikerin beispielsweise, die mit 36 Jahren ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat, wäre im Alter von 45 Jahren mit 23,2% Lohnverlust noch gut bedient; stattdessen entgehen ihr 25,4% jenen Einkommens, das sie hätte erzielen können, wenn sie auf die Auszeit (und damit möglicherweise auf das Kind) verzichtet hätte. Jenseits jeglichen Diskriminierungsverdachts?

Hier wird kräftig diskriminiert, und zwar in Erwerbschancen, im Zugang zu gut bezahlten Jobs auch mit Kindern. Im Zuge von Familienpausen entwertetes bzw. nicht fortentwickeltes weibliches Humankapital und die ungünstige Verhandlungsposition von Rückkehrerinnen gegenüber ihren Arbeitgebern sind für weite Teile der Lohnlücke verantwortlich. Solange Kindergärten in weiten Teilen Deutschlands nur bis mittags öffnen, solange das deutsche Schulsystem auf das Konzept „halbtags ohne Essen“ setzt und zwölf Wochen im Jahr seine Pforten schließt, und solange in der Regel von Frauen erwartet wird, dass sie die dergestalt verursachten Betreuungs- und Bildungslücken stopfen, solange wird sich in Deutschland weder an dem einen noch an dem anderen „Gap“  etwas Nennenswertes ändern.

FUSSNOTEN

1. Für die europäischen Vergleichsdaten bezieht sich das Statistische Bundesamt auf die Eurostat Online Datenbank vom 02. März 2010, wobei für die Niederlande und Estland nur Werte für das Jahr 2007 verfügbar waren.

2. WELT ONLINE Pressemeldung vom 5.3.2010

LITERATUR

 Boll, C. (2010). Mind the gap! The amount of German mothers’ care bill and its game theoretical issues, HWWI Research Paper, 1-29, Hamburg, März, ISSN 1861-504X.


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